Auf literarischen Spuren

Maxim Gorki nannte sie die "pessimistischste Literatur Europas": Russlands Literatur spaltet die Geister, bewegt die Gemüter, und kennt nur selten ein Happy End. Durch so illustre Namen wie Tolstoj, Dostojewski und Puschkin sind die melancholisch angehauchten Werke, tragischen Protagonisten und verkopften Antihelden, die heute so sinnbildlich für die russische Literatur stehen, längst auch ins Bewusstsein des westlichen Lesers gerückt - ohne dabei aber das volle Spektrum der schriftstellerischen Meisterwerke Russlands zu erfassen. Tatsächlich hat die russische Literatur viel mehr zu bieten als nur düstere Großstadtbilder und opulente Tausendseiter im Stil von "Schuld und Sühne" oder "Krieg und Frieden": von den unterhaltsam-amüsanten Poemen Puschkins über die satirischen Kurzgeschichten eines Gorki oder Tschechow bis hin zu den Poeten des frühen 20. Jahrhunderts, deren modernistische Sprachexperimente europaweit führend waren, weiß die russische Literatur mit Charme, Witz und Vielseitigkeit zu begeistern. Selbst in der Zeit des Sowjetregimes, als Zensur und staatliche Ideologie die Kunst ihrer Selbstständigkeit zu berauben versuchte, bewiesen sich die russischen Schriftsteller als Meister des geschriebenen Wortes und wahre Experten des versteckten Humors – wenn auch viele von ihnen letzten Endes das Exil oder das Gulag für ihren künstlerischen Freigeist in Kauf nehmen mussten.

Die russische Hauptstadt spielt seit jeher eine zentrale Rolle für die Schriftsteller des Landes. Ob als Wohnort und Inspirationsquelle, als Romankulisse oder als eigenständiges Sujet - Moskau scheint eine undefinierbare Anziehungskraft auf ganze Generationen an Autoren auszuüben und sich - neben Sankt Petersburg - als ideale Muse für Dramaturgen, Lyriker und Prosaisten aller Jahrhunderte zu eignen. Kaum einer der großen russischen Schriftsteller hat nicht zumindest einmal in Moskau Fuß gesetzt oder gar permanent seinen Wohnsitz in die russische Hauptstadt verlegt - von Tolstoj über Tschechow bis hin zu Pasternak erlag so mancher Literat dem mystischen Charme der Stadt.

Sie lesen besonders gerne die Klassiker der russischen Literatur und die epischen Meisterwerke der großen Realisten? Dann ist ein Besuch im Staatlichen Tolstoj Museum genau das Richtige für Sie: nicht nur ist dieses Museum wesentlich umfangreicher gestaltet als etwa das Dostojewski Museum, sondern bietet es zugleich auch die Gelegenheit zu einem gemütlichen Bummel durch die idyllische Umgebung der Tolstoj'schen Villa. Wer es weniger episch und lieber etwas satirisch mag, der könnte auch an einem Besuch im Tschechow Haus oder im Gorki Museum Gefallen finden: während ersteres mit einer Fülle an interessanten Ausstellungsstücken und einem gelungenen Rundumblick über die freundschaftlichen Bande innerhalb der russischen Schriftstellerelite aufwartet, begeistert letzteres mit architektonischer Finesse und allumfassender Extravaganz.
Wer am liebsten gleich einen ganzen Tag in der faszinierenden Welt der russischen Literatur verbringen möchte, der sollte außerdem einen Ausflug in die Dichtersiedlung Peredelkino am Stadtrand Moskaus erwägen: die heimelige kleine Sommerhaussiedlung ist dafür berühmt, einst die Dichter des Landes und heute die Touristen der Hauptstadt in Scharen anzuziehen. Zu besuchen gibt es hier unter anderem die Wohnstätte des Kinderbuchautors Tschukowski sowie das Hausmuseum Boris Pasternaks, des Autors von „Doktor Schiwago“.

Apropos: Liebhaber der russischen schriftstellerischen Moderne kommen in Moskau ebenfalls voll und ganz auf ihre Kosten. Ob die bizarr-futuristische Gedankenwelt Majakowskis, der unsterbliche Kult um Wladimir Wyssozki oder die unterhaltsam-diabolische Groteske Bulgakows: in Russlands Hauptstadt ist es ein Leichtes, sich mit der Mystik, der Magie und nicht zuletzt auch der Melancholie der russischen Literatur auseinanderzusetzen und so auf eindrucksvolle Weise einen Einblick in die russische Seele zu gewinnen. Ganz gleich also, ob Literaturliebhaber oder Neuling in der Welt von Puschkin, Tolstoj und Co.: wer einmal auf den literarischen Spuren Moskaus gewandelt ist, der wird sich so bald nicht mehr von ihnen losreißen können.