Kirchen und Kathedralen

File 281Rauschebärte, Weihrauch und Singsang – die russisch-orthodoxe Kirche besticht mit einem charmanten Traditionsüberhang, einigen der farbenfrohsten Gotteshäusern der Welt und einer jahrhundertealten Geschichte der Selbstbehauptung, der politischen Einflussnahme und nicht zuletzt auch des Überlebenskampfes. Wer während seines Moskaubesuches gerne die wiederauferstandene Alltagswelt der russischen Orthodoxie kennenlernen möchte, der hat sich mit der Landeshauptstadt genau das richtige Reiseziel auserwählt: Gelegenheit zu abwechslungsreichen Einblicken in den Kirchenalltag gibt es hier nämlich jede Menge.

Russland ist ein religiöses Land. Seit der Christianisierung der ersten russischen Stämme im Jahr 988 spielt der ehemals byzantinische, heute orthodoxe Glaube eine maßgebliche Rolle in den staatlichen Geschicken und in der Kultur des inzwischen größten Landes der Erde. Insbesondere Moskau kam seit jeher eine zentrale Funktion in der religiösen und spirituellen Führung Russlands zu: im Mittelalter beanspruchte es sogar den Titel des "Dritten Roms" für sich. Vor inneren Zerrüttungen und politischen Machtkämpfen waren die Patriarchen, Mönche und Priester der Kirche dennoch nicht gefeit, doch im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern blieb die Union von Kirche und Staat in Russland bis zum Fall des Zarenreiches und der Oktoberrevolution intakt. Mit der Machtübernahme der Kommunisten setzte dann die Verfolgung der Kirchenmänner ein – und die Zerstörung zahlreicher Kirchengüter im ganzen Land nahm seinen Lauf. Doch auch der staatliche Atheismus erwies sich letzten Endes als nur eine Phase in der Kirchengeschichte Russlands: nach dem Ende der Sowjetunion erlebte die russische orthodoxe Kirche von Moskau bis Wladiwostok einen rasanten und nachhaltigen Aufschwung und entwickelte sich so rasch wieder zum weitverbreitetsten Glauben in der Bevölkerung.

Heute bekennen sich gut drei Viertel der Russen zur Orthodoxie, ohne dabei aber allsonntäglich in die Kirche zu gehen – Religion ist in Russland, mit Ausnahme der wichtigsten christlichen Feiertage, mehr Tradition als gelebte Alltagspraxis. Ein Besuch in den einmalig schönen und vielerorts historisch bedeutsamen Kirchen, Kathedralen und Klöstern des Landes lohnt sich aber dennoch: in ihnen sind große Teile des kulturellen Erbes, der Kunstgeschichte und – um es in den Worten der Glaubensgemeinde auszudrücken – der russischen Seele erhalten und über Jahrhunderte hinweg bewahrt worden.
Zu den wichtigsten Kathedralen Moskaus zählen die Uspenski-Kathedrale im Moskauer Kreml, die St. Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz und die Christ Erlöser-Kathedrale an der Moskwa. Eine jede von ihnen hat ihre eigene, ereignisreiche Geschichte zu erzählen und kann mit einzigartigen Schätzen der russischen Kirchenkunst sowie anhaltender Bedeutung in den landesweiten Kirchenchroniken aufwarten. Nicht minder interessant erweist sich ein Besuch in Moskaus Klöstern: so lässt sich im Danilow-Kloster der moderne Patriarchensitz Russlands besichtigen, können im Neuen Jungfrauen-Kloster ehemalige Zarinnengemächer, malerische Parkanlagen und einer der interessantesten Friedhöfe des Landes besucht werden und lädt das Dreifaltigkeitskloster Sergjew Possad zu einem spirituell wie auch kulturell höchst abwechslungsreichen Tagesausflug aus Moskaus geschäftigem Zentrum nach ländlicher Idylle und beschaulicher Ruhe ein.

Der Besuch einer russischen orthodoxen Kirche ist stets ein ganz besonderes Erlebnis für die Sinne – neben den rundum mit Fresken bemalten Wänden, Kuppeln und Säulen der Kirchengebäude laden vor allem auch die Ikonenvielfalt und die Kunstfertigkeit der Ikonostasen und Ziergegenstände der Kirchen zu ausführlichen Rundgängen und gemächlichen Besichtigungen ein. Wenn dann auch noch die Klänge einer der zumeist gesungenen und auf Altkirchenslawisch verfassten Liturgien und der aromatische Geruch von Weihrauch die heiligen Hallen erfüllen, ist das Besuchserlebnis komplett – Бог с тобой (Gott sei mit dir).